Archiv für die Kategorie ‘Management’

Die aktuelle öffentliche Diskussion in Deutschland erinnert mich an ein Zitat aus dem Buch Georg von Wallwitz‘ aus 2015, ‚Odysseus und die Wiesel, eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte‘. Von Wallwitz, ehemaliger Investmentbanker, schreibt, dass er und  ehemalige Kollegen normale Kapitalanleger als Plankton bezeichneten. Und behandelten. Wie Plankton durch Meeresströmungen, werden Anleger häufig zu willenlosen Werkzeugen von Zockern, die es verstehen, sie durch Angst und Gier vor sich her zu treiben.

Ähnliches scheint sich aktuell in Deutschland zu ereignen. Teile der gesellschaftlichen Mitte werden durch „Hypermoral von links und blanke Gewalt von rechts“ [1] zunehmend verängstigt und für eine Radikalisierung der Gesellschaft instrumentalisiert. Von politischen Hasardeuren, Dilettanten und machiavellistischen Machtprofis. Unabhängig von der internationalen Wertschätzung, die Deutschland bei Umfragen in den vergangenen Jahren zuverlässigt erfährt. So auch bei einer kürzlich unter 16.000 ‚Global Citizens‘ durchgeführten Umfrage nach dem attraktivsten unter 60 Staaten weltweit. Deutschland war Nummer 1 [2].

Zurück zum ‚gesellschaftlich-politischen Plankton-Spiel‘. Diskurs wird hier zunehmend durch Diffamierung ersetzt. Im Nachklang zur Kölner Sylvesternacht wurde die Frage „Wer hat wem was getan?“ ersetzt durch „Wer darf was über wen sagen?“. Wie schreibt Joffe in der aktuellen ‚DIE ZEIT‘? [3], es geht um Sprachkontrolle, den Feind der Freiheit. ‚ „Dieses Geschäft hat früher der totalitäre Staat besorgt“ ‚. Orwell läßt [in seinem Roman ‚1984‘ [4]] einen Dezernenten aus dem Wahrheitsministerium dozieren: ‚ „Kapierst du denn nicht den eigentlichen Sinn von Neusprech? Beschweigen und beschneiden sollen die Bandbreite der Gedanken einengen. So werden Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich, weil es keine Begriffe mehr gibt, um sie auszudrücken.“ ‚

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Copyright Hartwig Maly, 2016, arrangiert mit der App ‚comic book!‘

Weil mein Blog vor allem mit Managementfragen zu tun hat, sei an dieser Stelle ein kurzer Exkurs erlaubt. Wie sähe ein Einsatz von Angst als professionellem Führungsinstrument aus? Oder dessen Verhinderung? Wie könnten zum Einsatz von Macht neigende ‚Führungscharaktere‘ rechtzeitig identifiziert und entweder gezielt eingesetzt [Economic Hitman, Positiver Psychopath] oder deren Beschäftigung rechtzeitig verhindert werden. Management by Angst wäre das spannende Thema für eine Bachelorarbeit. Einige Stichworte hierzu: Dunkle Triade, Psychopathen, Kevin Dutton und ‚Positive Psychopathen‘, Narzissten, Soziopathen, Kets de Vries-Psychopathen in der C-Suite, Milgram, [Sensorische] Deprivation, Machiavelli, Motivationstheorien.

1 ] Mangold, Imona; Der Verlust der Mitte, DIE ZEIT, 21. Januar 2016,  S. 37
2 ] US NEWS, The 60 Best Countries in the World, 2016
3 ] Joffe, Josef; >>Neusprech<< neu, DIE ZEIT, 21. Januar 2016, S. 8
4 ] Orwell, George; 1984

Shakespeare, W.: Hamlet, 1603, Hamlet Prinz von Dänemark, Polonius Ratgeber des Königs

POLONIUS. Gnädiger Herr, die Königin wünscht Euch zu sprechen und das sogleich.
HAMLET. Seht ihr die Wolke dort, beinah‘ in Gestalt eines Kamels
POLONIUS. Beim Himmel, sie sieht auch wirklich aus wie ein Kamel.
HAMLET. Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel.
POLONIUS. Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel.
HAMLET. Oder wie ein Walfisch.
POLONIUS. Ganz wie ein Walfisch.
. . .

Graffiti und Change

Veröffentlicht: 3. Januar 2016 in Change, Lifestyle, Management
Schlagwörter:, , ,

imageEine unglaubliche Idee. Ebenso einfach wie spektakulär. Ich sehe etliche der 160.000 Mitarbeiter dieses traditionsreichen Unternehmens, kopfschüttelnd diesen Vorschlag ihres Chefs wahrnehmend und hoffentlich deutlich mehr, ihn begeistert umsetzend. Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender des Industriekonzerns ThyssenKrupp hat den Konzern seit 2011 gründlich umgekrempelt. Konzernteile verkauft. Darunter das traditionsreiche Edelstahlgeschäft. ThyssenKrupp hat Hiesingers Ansicht nach [WamS, 03.01.2016, S. 30] viel erreicht. Sowohl auf der Kulturseite als auch in der Bilanz. Offenes, hierarchiefreies Miteinander -„nicht überall, aber immer öfter“- schafft Begeisterung, und die ist am Ende Grundlage für eine erfolgreiche Transformation.

Das könnte natürlich der abgehobene Eindruck eines Absolventen einer Elite-Management-Hochschule sein. Alleine seine Vita spricht dagegen. Ältestes von sechs Kindern, auf einem Bopfingener Bauernhof aufgewachsen. Promovierter Elektroingenieur. 20 Jahre Siemens. Zuletzt Vorstand für das Industriegeschäft.

Was ist nun mit der, von mir im Intro angesprochenen ‚unglaublichen Idee?‘ Hiesinger hatte kürzlich bei der Präsentation des neuen Markenauftritts, Spraydosen  mit der Farbe „Electric Blue“  an alle Führungskräfte verteilt. Und sie dazu aufgerufen, Name, Logo und Claim in der neuen Konzernfarbe auf Wände und Böden zu sprayen, um den Kulturwandel beim Dax-Konzern nach zahlreichen Skandalen der vergangenen Jahre nach außen hin zu symbolisieren. Sicher keine leichte Übung für zu domestizierte Manager. Ich sehe schon die Rechtsabteilung warnend im Hintergrund brummeln. Und hilflose Betriebswirte nach der passenden Harvard-Case-Study suchen ;-).

Unser Wirtschaftssystem ist zutiefst gestört und krank. Viele mögen glauben, dass es nach den Gesetzen der Logik und Rationalität funktioniert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Wirtschaft wird von immer neuen Krisen erschüttert. Ihre Akteure, Notenbanker, Manager und Politiker, sind oft getrieben von Wahnvorstellungen, Angstpsychosen und Persönlichkeitsstörungen. Wer die Ökonomie verstehen will, muss sie durch die therapeutische Brille betrachten. Tomáš Sedláček und Oliver Tanzer tun dies mit ebenso leichter wie sachkundiger Feder in dem vor wenigen Tagen erschienenen Buch Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch. Sehr empfehlenswert. ISBN 978-3-446-44457-7, 26,00 €

Bilder, Wikipedia (Sedláček), Tanzer (Tanzer), Maly

Bilder, Wikipedia (Sedláček), Tanzer (Tanzer), Maly

The Art of Management.

Veröffentlicht: 1. November 2015 in Management, Sichtweisen
Schlagwörter:,

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Es war ein beeindruckender Workshop Anfang der Woche im Golfhotel Stromberg bei Bingen. Life is great. Sonne. Regen. Hagel. Sturm.  Trotzdem, begeisterte Studenten auf der Driving Range des Golfplatzes. Mit Mountain Bikes auf schlammigen Waldstrecken.  Relaxt in der Sauna oder im Pool. Gute Gespräche. An der Bar ;-). Gutes Essen. Tolles Hotel. Perfektes Ambiente also. Um was ging es? Im Mittelpunkt stand die Integration dreier Kurse aus dem 6. Semester der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Fakultät Wirtschaft, Lehrstuhl Versicherung. Unter schwierigen finanziellen Bedingungen in diesem Jahr blieb der Lehrstuhl seiner Maxime treu, den Studenten spannende Vorträge in einem coolen, integrativen Umfeld zu bieten. Eigene Vorträge. Vortragsskripte über 15 Seiten. Diskussionen. Für fünf Credits[1]. Prüfung und Vergnügen in einem. Geht das? Of course. Drei Tage. 70 Studenten auf drei Arbeitsgruppen verteilt. Meine Gruppe zum Thema ‚Globalisierung ist Krieg‘. Zehn Vorträge. Vier Themenschwerpunkte: ‚Dark Side of Management‘, ‚Benchmark für Wirtschaftskrieger‘, Rumsfelds ‚Unknown Unknowns‘ als unkalkulierbare Rahmenbedingungen für Wirtschaftskriege und ‚Disruptive Technologien´ als Game Changer[2]. Ziel, gemeinsam ein anschauliches, praxisnahes Gesamtbild von Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung zu zeichnen, durch Vorträge meiner Studenten und deren anschließende Diskussionen. Mein Resümee. Respektable Leistungen. Durch die Bank. Kompliment!  Zu verstehen, dass Management mehr ist, als Schön-Wetter-Management mit kooperativer Führung, Dienenden Führern, Motivation, individuellem Glück und Stuhlkreisen. Oft bedeutet Management jedoch Intrige, Blut, Kampf, Arbeitslose, Organisationskriege und Tote. Denken Sie an die Opfer der Finanzmarktkrise/ Subprime Krise 2007[3] und in den folgenden Jahren. 50 Millionen zusätzlicher Arbeitsloser, die in Griechenland zum Beispiel  nach einem Jahr weder Arbeitslosenhilfe noch Sozialhilfe erhalten. Ergebnis eines eleganten Instrumentes mit dem Namen Cost Cutting[4]. Selbstmorde spanischer Hausbesitzer, die ihre Raten nicht mehr in der Lage waren zu zahlen. Kollabierende Volkswirtschaften. Umgeben von abzusehenden technologischen Entwicklungen, die keinen Stein mehr auf dem anderen stehen lassen werden in den kommenden 20 Jahren. Der Roman ´Der Circle´ von Dave Eggers gibt darauf einen Vorgeschmack[5]. Der Google-Chef Eric Schmidt sagt völlig offen, dass jedes geschriebene und gesprochene Wort öffentlich sein soll[6]. Eggers ergänzt dies um jedes aufgenommene Bild. Milliarden von Kameras im Öffentlichen Raum, um jeden Hals, um jedes Handgelenk. 24 Stunden am Tag. Totale Kontrolle. Unter Umständen deutet sich eine Spaltung an zwischen einer von den USA voran getriebenen Schmidt-Eggers-Utopie und einer von Tim Berners-Lees[7] Initiative ´The Web We Want´ forcierten Welt , in der die Demokratisierung des Digitalen viel wichtiger ist als die Digitalisierung der Demokratie. USA versus Europa. In einer multipolaren Welt mit anderen Big Playern wie Indien, China, russland und Brasilien. Grenzenlose Transparenz versus Selbstbestimmungsrecht über persönliche Daten/ Informationen. Ebenso faszinierende wie beängstigende Möglichkeiten. Im Folgenden einige Anmerkungen  zu meinen kurzen Eröffnungsansprachen am Dienstag und Mittwoch und den Inhalten der Vorträge.

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Dark Side: Zur ebenso realen, wie dunklen Seite von Management gehören zum Beispiel Economic Hitmen[8], Wirtschaftskiller und Media Manipulatoren[9] wie sie von Ryan Holiday in ´Trust Me, I´m Lying´[9] beschrieben werden oder wie wir sie aus ´Wag the Dog´ mit Dustin Hoffman und Robert De Niro kennen[10]. Menschen mit gewaltiger Macht.  Welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen, zeigt die Berichterstattung um die Katastrophe des Germanwings Fliegers. Zutaten für die manipulative Ursuppe sind da elementare Ungewissheit im Verbund mit einem Geschwindigkeitsrausch. Und dem Zwang, Ereignisnähe zu simulieren und zu konsumieren. Das Ergebnis ist ein Faktizitätsvakuum und daraus resultierend Orientierungslosigkeit. Weißes mediales Rauschen. Mit der gleichen Wirkung wie sensorische Deprivationen[11], der Wegnahme externer Sinneseindrücke wie sie bei Folter eingesetzt werden kann. Ideal für mediale Hirnwäsche. Der hybride Krieg[12] um die Ukraine ist ein weiteres aktuelles Beispiel für Medienmanipulation. Natürlich lässt sich diese Waffe wirksam gegen Wettbewerber einsetzen. Unternehmen. KollegInnen. Natürlich auch in Organisationskriegen wie feindlichen Mergern oder radikalen Changeprojekten. Manipulate, unfreeze, move, freeze heißt dabei das um Manipulation ergänzte 3-Phasen-Modell Lewins[13].

Benchmark Wirtschaftskrieger: Unsere erste Referenz hierbei sind Kevin Duttons funktionale (positive) Psychopathen[14]. Menschen mit dem Charme George Clooneys, der Emotionslosigkeit des kultivierten Serienmörders Hannibal Lecter aus ‚Schweigen der Lämmer‘, einer sehr hohen Risikoaffinität und virtuosen Manipulationsfähigkeiten. Besonders erfolgreich in volatilen Märkten wie dem Investment Banking[15]. Weiterer Benchmark für Manager sind Eliten der katholischen Kirche, zum Beispiel Jesuiten. Mit den Kernkompetenzen Selbstbewusstsein, Selbstreflexion und Anpassung[16]. Oder Eliten nach Jack Welchs ‚E4 Leadership Konzept'[17]. Dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden von General Electric – Neutronen Jack – und erfolgreichem Umsetzer des Shareholder Value Konzeptes. Nach Welch sind nur 20 Prozent der Mitarbeiter A-Player, hochkarätige Führungskräfte, mit den E4-Eigenschaften: Energy, Energizer, Edge und Execution[17]. Von Clausewitzens ‚Strategischer Genius‘ als weiterer Vergleichsmaßstab, die Kunst der Entscheidungen beherrschend auf den Grundlagen von Bauchgefühl und der Macht der Intuition, des Verstandes, mit dem Mut zu unpopulären Entscheidungen und Erfahrungen als wesentlicher Entscheidungsstütze[18]. Zuletzt der ‚Ehrbare Kaufmann‘, dessen Reputation höheren Wert genießt als Gewinne. Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Verantwortung und Treue sind ihm wichtige Attribute. Ein Handschlag gilt wie eine Unterschrift.

Unknown Unknowns: Dummerweise sind wir im Zeitalter der Globalisierung einem mächtigen Feind ausgesetzt, der VUCA-Welt[19].  Weltumgreifende Wertschöpfungsketten, blitzschnelle Verfügbarkeiten von Informationen trotz Informationsasymmetrien und der feste Glauben an Peter Druckers  ‚Du kannst nur managen, was Du messen kannst‘, ändern nichts daran. Die Welt ist volatile, uncertain, complex und ambiguous. Es gibt eine Kategorie von Ereignissen, von denen wir nicht wissen, dass wir nichts über sie wissen. Donald Rumsfelds ‚Unknown Unknowns'[20]. Das unbekannte Nichtwissen. The outside context problem. Nicolas Taleb nennt sie ‚Schwarze Schwäne'[21], die Vorhersagen sinnlos erscheinen lassen. Nach Taleb hilft  Antifragilität. Die Fähigkeit von Systemen, aus Schwarzen-Schwan-Ereignissen gestärkt hervor zu gehen. Das Attentat auf die Twin Towers in Manhattan in 2001 war ein solcher, ein Unknown Unknown. Die Insolvenz von US-Fluggesellschaften in dessen Folge ein Zeichen fragiler Organisation. Antifragile Systeme/ Organisationen wie Kakerlaken und deren Lebensgemeinschaften überleben Unknown-Unknown-Katastrophen aufgrund diverser Eigenschaften, wie Redundanz, autarke Reproduktionsfähigkeit, schnelle Anpassungsfähigkeit, kurzfristige Regenerationsfähigkeit, teilautonome organisatorische Strukturen, Selbstorganisation und Symbiosefähigkeit[22]. Wie sollte unsere antifragile Unternehmensorganisation aussehen, um im globalen Wirtschaftskrieg zu bestehen? Wie sehen antifragile Manager zum Beispielen unter transhumanistischen[23] Gesichtspunkten aus? Transhumanismus, eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Management-Borgs für die Freunde des Raumschiffs Enterprise. Die neue Apple Uhr als Device für Medical Tracking, Google Glass oder dessen Weiterentwicklung, die Daten direkt auf die Netzhaut projiziert oder in die entsprechenden Gehirnareale oder mit etwas mehr Phantasie, der Transport Ihrer Persönlichkeit über Internet X.0 zu beliebigen Locations in unserer Galaxie, um in einem physisch realen Avatar, einem Surrogate[24] zu agieren.

Disruptive Technologien/ Innovationen: Der Begriff geht auf Clayton M. Christensen von der Harvard Business School zurück. „Eine disruptive Technologie (engl. disrupt – unterbrechen, zerreißen) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt. Disruptive Innovationen sind meist am unteren Ende des Marktes und in neuen Märkten zu finden. Die neuen Märkte entstehen für die etablierten Anbieter in der Regel unerwartet und sind für diese, besonders auf Grund ihres zunächst kleinen Volumens oder Kundensegmentes, uninteressant. Sie können im Zeitverlauf ein starkes Wachstum aufweisen und vorhandene Märkte bzw. Produkte und Dienstleistungen komplett oder teilweise verdrängen.[25] Googles Moonshots gehören in diese Kategorie. Technologien, die nach der Google-Unternehmensphilosophie des „Ten Times Thinking“, zehnmal besser sein wollen als die besten am Markt verfügbaren Lösungen. „Zu den Projekten von Google X, deren Forschungsinstitut, zählen unter anderem Google Glass (ein am Kopf getragener Miniaturcomputer im Rahmen der erweiterten Realität), eine digitale Kontaktlinse zur Messung des Blutzuckerwertes, die Entwicklung autonomer Fahrzeuge, Project Loon (Internetdienste über Ballone in der Stratosphäre) und das Internet der Dinge auch als Web 3.0 bezeichnet [26]. Mit dem Projekt Google Brain (Google-Gehirn) versucht Google die Neuronenverbindungen des menschlichen Gehirns nachzuahmen. Für dieses Projekt hat die Firma den Computerwissenschaftler Geoffrey Hinton angeworben, der mit seiner Deep Learning-Theorie versucht, Computer- und Neurowissenschaft zu verschmelzen. Im Januar 2014 erwarb Google zur Verstärkung dieser Aktivitäten für 450 Millionen Dollar das britische Labor für künstliche Intelligenz Deep Mind. Erste Anwendung der Forschungen von Geoffrey Hinton ist die Verbesserung der Spracherkennung des Smartphone-Betriebssystems von Google.[26]“

Das war´s. Spannende Themen. Spannende Vorträge. Begeisterte Studenten. Die Erkenntnis, dass sie beliebige Themen sehr professionell bearbeiten können. Schön, zusätzlich, wenn das Thema aufregend ist. Hoffentlich nicht zum letzten Male vor der Rente. Glück, langes Leben und steile, selbstbestimmte Karriere für alle ´Economic Warriors´ in meiner Gruppe.

Referenten des Integrationsseminars (30.03.-01.04.2015)
Christoph Krajewski, Krieg und Frieden: Entscheidungsfindung auf der Basis nach von Clausewitz´ vom Krieg, Oktober 2014, 21 Seiten
Tobias Wennemann, Jack Welch und das 4E- und 1P-Konzept der Führung, Oktober 2014, 18 Seiten
Yannick Ullmann, Eliten, Oktober 2014, 21 Seiten
Nicolai Schmid, Antifragilität und Schwarze Schwäne. Die Theorien des Nassim Nicholas Taleb, Oktober 2014, 23 Seiten
Maximilian Fischer, Aaron Stumpf, 10 Times Thinking und unsere Zukunft. Die Philosophie von Google am Beispiel von Moonshots, Oktober 2014, 29 Seiten
Frederic Laqua, Wissen ist Macht. Wie Google unser Leben und die ganze Welt verändern will, Oktober 2014, 20 Seiten
Jens-Oliver Spindler, Der ehrbare Kaufmann, und sein Wandel – Ein Versuch der Einordnung in das Konzept der Hidden Champions und des Shareholder Value Konzeptes, Oktober 2014, 19 Seiten
Caroline Meiser, Philipp Keil, Eliten. Ein Vergleich zwischen den Jesuiten, der Elite der Katholischen Kirche und dem E4-Leadership-Management nach Jack Welch, Oktober 2014, 45 Seiten
Tamara Stephan (abw.), Medienmanipulation-Geschichtlicher Hintergrund, berufliche Aufgaben und Gefahren, Oktober 2014, 19 Seiten

Danke an die zahlreichen Gäste aus den beiden anderen Gruppen😄.

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1] Ein Credit steht für 30 PersonenStunden Aufwand. Fünf Credits für 150. Vorgabe, ein 15-Seiten-Skript und eine 20minütige Präsentation.
2] Game Changer: […] a newly introduced element or factor that changes an existing situation or activity in a significant way; Merriam-Webster Dictionary; April 4, 2015, 14:28
3] Man spricht von der sogenannten Subprime-Krise (engl. für „zweitklassig“) in Anlehnung an die zentrale Rolle zweitklassiger Darlehen für die Finanzierung von Immobilien durch NINJA-Kunden (No income, no Job, no assets). Diese Darlehen wurden in Mortgage Backed Securities (MBS), also durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere umgewandelt. Im Gegensatz zu Pfandbriefen erscheinen sie nicht in der Bilanz der originierenden Stelle (zum Beispiel einer Bank), da diese den Pool der deckenden Vermögenswerte zur Durchführung der Verbriefung an die ausgebende Stelle (eine Zweckgesellschaft) überträgt. MBS-Papiere, gesichert durch zweitklassige Hypothekendarlehen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Immobilienblase bis 2008 und der folgenden Finanzkrise, als diese platzte. Interessant ist, dass die Subprime-Krise begünstigt wurde durch die Affirmative Action´, positive Disgkriminierung, angestossen unter John F. Kennedy, um diskriminierten Minderheiten in den USA zu Wohneigentum zu verhelfen. Quellen: Wikipedia, Mortgage Backed Securities, 04.04.2015, 16:00; Blog ´Shaping Alpha Power, Unsere Tellerränder, 2. Oktober 2010
4] Cost Cutting, Verringerung von Unternehmenskosten; Beliebte Vorgehensweise, um den Gewinn eines Unternehmens zu erhöhen. Dabei werden die verschiedenen Kostenarten auf ihren Ergebnisbeitrag hin überprüft. In Pharmaunternehmen liegen zum Beispiel die Personalkosten bei 50 Prozent des Umsatzes, in der Automobilbranche bei 8 bis 15 Prozent. In Pharmaunternehmen bietet es sich an Cost Cutting der Personalkosten vorzunehmen, in der Automobilbranche nicht. Dabei wird beim Cost Cutting der Personalkosten der zu reduzierende Betrag durch das Arbeitgeberbrutto pro Mitarbeiter dividiert. Letzteres berechnet sich aus dem Bruttojahresgehalt plus den Gehaltsnebenkosten. Angenommen Letzteres betrüge 100 Prozent eines Bruttojahresgehaltes von 50.000,- Euro, beliefe sich das Arbeitgeberbrutto auf 100 T€. Angenommen, die Kosten des Unternehmens sollten um 100 Millionen Euro reduziert werden, ergäbe sich – ohne weitere Differenzierung der Einkommen –  ein Personalabbau von 1.000 Stellen.
5]Distopischer Roman einer Internet-Gesellschaft,  Yo Man, Transparency and the Evil-Closer Together Than Many of Us Expect, Amazon,The Circle;  Blog Shaping ALpha Power, 24. Oktober 2014
6] Christian Schwägerl, Offline ist so vorbei, DIE ZEIT, 1. April 2015, S. 9
7] Sir Timothy John Berners-Lee, OM, KBE, FRS, FRSA (* 8. Juni 1955 in London) ist ein britischer Physiker und Informatiker. Er ist der Erfinder der HTML (Hypertext Markup Language) und der Begründer des World Wide Web. Heute steht er dem World Wide Web Consortium (W3C) vor, ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und hat seit 2004 einen Lehrstuhl an der Universität Southampton. Wikipedia, Tim Berners-Lee, 04.04.2015, 17:23
8] John Perkins, Bekenntnisse eines Economic Hitman: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia,Goldmann, 2007
John Perkins war ein Economic Hit Man, ein Wirtschaftskiller. Seine Aufgabe: Entwicklungsländer zu besuchen und den Machthabern überdimensionierte, überteuerte Großprojekte zu verkaufen, die sie in eine Abhängigkeit von den USA brachten. Zwölf Jahre lang hat Perkins seine Seele verkauft … bis er ausstieg und den Mut hatte, den Skandal aufzudecken.
9] Ryan Holiday, Trust Me, I´m Lying: Confessions of a Media Manipulator, Penguin Group, 2012
„You’ve seen it all before. A malicious online rumor costs a company millions. A political sideshow derails the national news cycle and destroys a candidate. Some product or celebrity zooms from total obscurity to viral sensation. What you don’t know is that someone is responsible for all this. Usually, someone like me.I’m a media manipulator. In a world where blogs control and distort the news, my job is to control blogs-as much as any one person can.IN TODAY’S CULTURE… Blogs like Gawker, BuzzFeed, and The Huffington Post drive the media agenda. Bloggers are slaves to money, technology, and deadlines. Manipulators wield these levers to shape everything you read, see, and hear- online and off.Why am I giving away these secrets? Because I’m tired of a world where blogs take indirect bribes, marketers help write the news, reckless journalists spread lies, and no one is accountable for any of it. I’m going to explain exactly how the media really works. What you choose to do with this information is up to you.“
10] Wikipedia, Wag the Dog, Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt, 04.04.2015, 18:08
Youtube: Wag the Dog, Trailer, german and english
11]Naomi Klein, ´Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Fischer, 2008. Wird der Geist vollständig von Außenreizen abgeschirmt, stellen sich bald Halluzinationen und ein verändertes Bewusstsein ein. Reizdeprivation kann für neurologische und psychologische Experimente oder zur Bewusstseinserweiterung eingesetzt werden, zum Beispiel mittels eines Isolationstanks. Klein beschreibt die Übertragung der Methode zur Manipulation von Volkswirtschaften wie Chile, Argentinien, Südafrika, Rusland etc. durch die Chicago Boys. Die Anhänger der Schule des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman
12] Wikipedia, Hybrider Krieg, als Kriegsführung des 21. Jahrhunderts bezeichnet, in der Soldaten und militärische Ausrüstung ohne Hoheitszeichen auf fremdem Territorium operieren. Sie wird zugleich von Desinformationskampagnen und Cyberattacken unterstützt. Mit solchen Mitteln hatte Russland im Frühjahr 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und unterstützt es seitdem die Operationen der russlandfreundlichen bewaffneten Separatisten im Osten der Ukraine
13] Wikipedia, 04.04.2015, 18:30; Das 3-Phasen-Modell (auch engl. model of change genannt) von Kurt Lewin ist ein einfaches Modell für soziale Veränderungen in einer Gesellschaft. Danach werden organisatorische Strukturen aufgetaut, verändert und wieder eingefroren.
14] Blog ´Shaping Alpha Power´, Milde Psychopathen, 24.April 2013
Youtube, What Jobs Have the Highest Number of Psychopaths? 2012
15] Blog ´Shaping Alpha Power´, Aktienhändler ähneln Psychopathen, 23. Okt. 2011
16] Vortragsskript, Caroline Meiser, Philipp Keil, Eliten – Ein Vergleich zwischen den Jesuiten, die Elite der Katholischen Kirche und dem E4-Leadership-Management nach Jack Welch, 08.10.2014, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Betreung H. Maly, Lehrstuhl Versicherung, Prof. H. Meissner, Prof. K. Jeske
17] Jeffrey A. Krames, Jack Welch and the 4 E´s of Leadership, 2005
18] Term Paper, Christoph Krajewski, Krieg und Frieden: Entscheidungsfindung auf der Basis nach von Clausewitz´vom Krieg, Oktober 2014, 21 Seiten
19] Roland Berger, Mit der ´Light Footprint´-Strategie können Unternehmen in der komplexen und unsteten Wirtschaftswelt am besten bestehen, 2013
20] Youtube, Donald Rumsfeld, Unknown Unknowns, hochgeladen 2009
Youtube, Errol Morris on Donald Rumsfeld, The Unknown Known, and the Evidence-Based Journalism
21] Wikipedia, Nassim Nicholas Taleb ist ein philosophischer Essayist und Forscher in den Bereichen Statistik, Zufall und Epistemologie und ehemaliger Finanzmathematiker. Er arbeitete als Spezialist für komplexe Finanzderivate in mehreren Wall-Street-Unternehmen, bevor er eine zweite Karriere als Wissenschaftler begann und sich mit den Methoden der Berechnung und Interpretation von Zufallsereignissen und dem Umgang mit unvorhergesehenen seltenen, aber mächtigen Ereignissen (von ihm „Schwarze Schwäne“ genannt) beschäftigte.
22] Bachelorarbeit der Fakultät für Wirtschaft der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Vanessa Fleischmann, „Black Swans“ und antifragile Unternehmensorganisationen – Wie Unternehmen aus nicht vorhersehbaren Ereignissen heraus wachsen können, 01.03.2015
23] Wikipedia, Transhumanisten, 04.04.2015, 19:58
24] Wikipedia, Film Surrogate-Mein zweites Ich, 04.04.2015, 19:58
25] Wikipedia, Disruptive Technologien, 04.04.2015, 20:06
26] Wikipedia, Google X, 04.04.2015, 20:05

Ein Viertel Jahrhundert. Globalisierung. Liberalisierung. Fixierung auf Shareholder-Value. Krisen. Rettung. Systemrelevanz oder nicht. Angst vor sozialem Abstieg. Zu wenig Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Die „[…] soziale Schere hat sich in Deutschland immer weiter geöffnet. 1970 verfügte das oberste Zehntel der Gesellschaft über 44 Prozent des gesamten Nettogeldvermögens. 2011 waren es 66 Prozent. Fast acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten für Niedriglöhne. Etwa zwölf Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze. 25 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben sogenannte prekäre Jobs: Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge, Praktika. Jeder zweite neu zu besetzende Arbeitsplatz ist befristet.“ [1] Zeit über andere Leitbilder und Vorbilder auch oder gerade in den Führungsetagen von Unternehmen sehr ernsthaft nachzudenken. Die folgende Rede Jakob Augsteins vom vergangenen Wochenende in Dresden bietet dazu eine sehr ehrliche und kluge Analyse als Einstieg. [1]

Guten Morgen meine Damen und Herren,

Willkommen zur deutschen Tea Party! Das ist unser Thema.
Hier in Dresden. Und das passt doch ganz gut.

Das geht Ihnen vielleicht schon auf die Nerven. Aber damit müssen sie jetzt leider erst mal eine Weile leben: In diesem Winter unseres Missvergnügens wurde Dresden ja zur Hauptstadt der Bewegung. Einer Bewegung, die sich hier bei Ihnen auf der Strasse abgespielt hat. Die aber – und da können Sie beruhigt sein – nun wirklich keine Dresdener Spezialität ist. In Europa rumort es schon lange. Neuerdings auch in Deutschland. In Amerika hat man den hübschen Namen Tea Party dafür, bei uns bezeichnen wir das mit dem weniger hübschen Namen Rechtspopulismus.

Erst lesen Millionen die Bücher von Thilo Sarrazin, dann wird die AfD als politische Partei erfolgreich – und nun marschierte Pegida durch Dresden. Kein Wunder, dass der neue deutsche Rechtspopulismus ein tolles Thema ist für Soziologen, Politiker, Journalisten, Populisten und Propagandisten aller Couleur.

Vor zwei Wochen hat der Soziologe Heinz Bude hier hervorragend über Pegida gesprochen. Pegida – sprachlich irgendwo zwischen Hanuta und Gestapo anzusiedeln, hat der Spiegel geschrieben. Darf ich mal kurz fragen, wer von Ihnen war eigentlich auf einer Pegida Demonstration? Wenn Sie vielleicht mal die Hand heben?

Hm. Ist das die Angst vor der sozialen Kontrolle – oder was?

Und jetzt machen wir, wie man sagt, die Gegenprobe: Wer war denn schon einmal auf einer Anti-Pegida-Demonstration?

Ah, verstehe. Hier sitzt der eher nachdenkliche Teil des Dresdener Bürgertums. Machen Sie sich nichts draus: Der Besuch einer Dresdener Rede ist auch ein politischer Akt.

Also, der Sozialwissenschaftler Bude hat sich sozialwissenschaftlich mit dem neuen rechtsbürgerlichen Protest befasst. Ich will das heute ein bisschen stärker zuspitzen. Ich darf das. Ich bin kein Wissenschaftler – und muss darum keine Distanz wahren. Und ich bin auch kein Politiker – und muss darum kein Verständnis haben.

Ich bin nur Journalist. Ich darf mich wundern und ärgern und aufregen und schimpfen. Das ist ein Privileg, das ich weidlich ausnutzen werde. Machen Sie sich also bitte darauf gefasst, dass ich viel schimpfen werde.

Manchmal gehört auf einen groben Klotz tatsächlich ein grober Keil. Auf Englisch sagt man: to call a spade a spade. Eine Schaufel eine Schaufel nennen. Das ist ein lustiger Ausdruck. Eigentlich ein Übersetzungsfehler – im griechischen Original war von Waschtrögen die Rede: man soll einen Trog einen Trog nennen. Bitte – keine Ahnung was das soll. Wichtig ist: man soll nicht um die Dinge herumreden. Ein Trog ist ein Trog, eine Schaufel eine Schaufel und ein Idiot ist ein Idiot. Punkt.

Das ist wichtig für den Erkenntnisgewinn. Und für’s Seelenheil. Zusammengenommen ergibt das dann politische Moral. Oskar Negt sagt: Politische Moral bildet sich im Zustand der Empörung. Und Stephane Hessel hat geschrieben: „Ich wünsche jedem Einzelnen von Ihnen einen Grund zur Empörung. Das ist sehr wertvoll.“

Also, wenn wir ganz leblos sind und wenn uns alles kalt lässt und uns alles einerlei ist wo landen wir dann? Auf der Sandbank, bei den toten Fischen. Nein Danke! Ich möchte mich empören: über Dummheit, Kälte, Lieblosigkeit, Anmaßung, Borniertheit, Hartherzigkeit.

Natürlich, wenn man genug geschimpft hat, muss der nächste Schritt kommen: das Nachdenken über die Ursachen.

Pegida, die AfD, diese ganze deutsche Tea Party, das kommt mir vor wie ein Aufbäumen des Gefühls gegen die Geduld. Des Vorurteils gegen die Verantwortung. Des Ressentiments gegen die Ratio.

Da taucht etwas auf. Da drängt etwas nach oben. Da tritt etwas über die Ufer.

Es handelt sich hier um eine fehlgeleitete Energie – sie sucht sich den falschen Weg und das falsche Ziel. Daran gibt es für mich keinen Zweifel. Wer gegen die Islamisierung des Abendlandes demonstriert, der spinnt entweder komplett – dann kann man ihm einen schönen Tag wünschen und muss sich nicht weiter mit ihm auseinandersetzen. Oder aber er ist fehlgeleitet.

Um so wichtiger ist es, dass wir anderen, die wir davon nicht erfasst sind, die Quellen richtig identifizieren und die Ursachen richtig erkennen.

Vielleicht können wir dann sogar dafür sorgen, dass dieser Zorn – denn darum handelt es sich ja, um einen großen Zorn – die richtige Richtung nimmt. Warum nicht? Stellen Sie sich vor, die Pegida Demonstranten und die AfD Wähler würden ihre politische Energie für etwas Sinnvolles einsetzen? Das ist eine naive Vorstellung. Aber ich mag mir meine Naivität nicht ausreden lassen. Wenn Leute wählen gehen, wenn Leute demonstrieren gehen, dann ist das ja eigentlich gut. Darin liegt ja das Leben der Demokratie. Jetzt müssen sie nur noch das Richtige wählen, für das Richtige demonstrieren.

Ich sage Ihnen gleich, was ich darunter verstehe – also das Ergebnis hier vorweg: Deutschland hat ein soziales Problem, kein kulturelles. Wir haben zu viel Ungleichheit und zu viel Ungerechtigkeit. Nicht zu viel Islam.

Aber anstatt gegen die soziale Ungleichheit auf die Strasse zu gehen, die bei uns zunimmt, die beinahe skandalös ist – beinahe sage ich, wir wollen nicht übertreiben, es geht noch schlimmer – aber muss es denn immer noch schlimmer kommen – also, anstatt gegen diese Ungleichheit aufzustehen und anzugehen, haben sich die Leute hinter einem so idiotischen Slogan gesammelt: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.

Darüber kann ich mich empören. Das ist meine erste Empörung: die Idiotie dieses Slogans und das Erschrecken darüber, dass soviele Leute hier davon zu mobilisieren waren.

Meine zweite Empörung wiegt aber schwerer. Denn, bei allem Respekt, Dresden ist nicht Deutschland. Außerhalb Ihrer schönen Stadt haben die Pegida-Idioten nur sehr begrenzten Zulauf gefunden und auch hier ist der Spuk ja am abklingen. Aber die Reaktionen darauf, in den Medien, in der Politik, die waren bundesweit und die fand ich beinahe schlimmer als das Phänomen selbst.

Alles mögliche war da vertreten:
Verständnis für die Sorgen vor Überfremdung – oder „Entheimatung“ wie Wolfgang Thierse es formuliert hat – oder Ärger über mangelnde demokratische Kultur – oder einfach schiere Ablehnung und Zurückweisung. Aber das meiste blieb doch sehr an der Oberfläche. Und zwar mit Absicht: Das sollte nicht durchdringen zum Kern, wo die Verteilungsfrage liegt, wo die Gerechtigkeitsfrage liegt. Darum war das Niveau der Analyse so erbärmlich niedrig, in den Medien und in der Politik.

Das war, meine Damen und Herren, der Überblick. Jetzt kommen die Details.

Wir haben diesen Morgen mit dem Wort von der Tea Party begonnen. Das war 1773 in Boston. Da haben vielleicht hundert Mann, von denen übrigens einige als Indianer verkleidet waren, englische Schiffe gekapert, die im Hafen lagen und genau 342 Ballen mit Tee über Bord gekippt. Das war ein Protest gegen die englischen Steuern. Samuel Adams, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, war auch dabei. Ein paar hundert Jahre später wurde dieser historische Akt der Emanzipation auf reaktionär gedreht.

Damals – es war Februar 2009 – rastete ein Reporter des Senders CNBC während der Sendung aus, on the air – er redete sich in eine Schimpftirade darüber hinein, dass Amerikas Steuerzahler für die Pleiten der Hauskreditnehmer aufkommen sollten und rief zu einer neuen Tea Party auf.

Das war das Startsignal einer neuen Bewegung, einer konservativen Revolution: gegen Washington, gegen Obama und gegen die Mainstream-Medien, die von Sarah Palin Lamestream-Medien genannt wurden.

Die Finanzkrise hatte begonnen. Die Logik der Märkte führte die Welt an den Rand des Kollaps. Eigentlich wäre es folgerichtig gewesen, dieser Logik eine Absage zu erteilen. Statt dessen lautete das Rezept unserer Politiker aber: Mehr davon! Die Demokratie sollte noch vollständig „marktkonform“ gemacht werden. Sie erinnern sich an dieses wirre Wort von Angela Merkel? „Marktkonforme Demokratie“ Sie war nicht allein: Kommissionspräsident Barroso schimpfte im Jahr 2011 einmal: „Das dauert alles zu lange. Die Märkte sind ungeduldig, die Demokratie ist zu langsam.“

Wir haben in der Finanzkrise erlebt, wie die Demokratie verkommen ist. Zur Herrschaft von Experten durch Experten für Experten. Wir haben erlebt, dass nicht mehr der Satz von Abraham Lincoln gilt: „Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk“ gilt sondern Lenins Satz vom „Komitee zur Regelung der Angelegenheiten der Bourgeoisie“.
Wir haben den Punkt der politischen Paradoxie erlebt: wir fürchten die Ergebnisse von demokratischen Wahlen, weil sie den Märkten nicht gefallen könnten. Siehe Griechenland.
Wir wissen jetzt, dass sich Kapitalismus und Demokratie keineswegs gegenseitig bedingen, wie die angelsächsischen Liberalen uns einreden wollten. Sondern dass sie manchmal eher zufällig zur gleichen Zeit nebeneinander bestehen.
In der Finanzkrise konnte der Kapitalismus gerettet werden. Aber der Preis war hoch: das Vertrauen ins System wurde erschüttert. Und zwar nachhaltig.

Oskar Negt hat vor Jahren gewarnt: „Im Inneren dieser Gesellschaft brodelt es, mit Ausbrüchen ist zu rechnen, in der Abwendung vom System entstehen politische Schwarzmarktphantasien.“ Im Verlauf der Krise hatten solche Schwarzmarktphantasien dann Konjunktur. Die kalten Gedanken von Thilo Sarrazin waren die ersten Symptome. AfD und Pegida folgten nach.

Sarrazin ist seinerzeit berühmt geworden mit solchen Sätzen: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen.“

Das war die Qualität seiner Empörung. Zur gleichen Zeit veröffentlichte in Frankreich Stephane Hessel sein Traktat „Indignez vous“ „Empört euch“

Es war ähnlich erfolgreich wie Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ – aber sonst in jeder Hinsicht ganz anders. Hessel schrieb „für eine Gesellschaft, auf die wir stolz sein können“ und meinte damit: „Das Interesse der Allgemeinheit soll über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung der Früchte der Arbeit soll wichtiger sein als die Macht des Geldes.“

Hessel empörte sich über „diese Gesellschaft der rechtlosen Ausländer, der Abschiebungen und des Generalverdachts gegenüber den Einwanderern, (…) diese Gesellschaft, in der die Renten unsicher werden, der Sozialstaat abgebaut wird und die Medien in den Händen der Reichen liegen, alles Sachen, die wir niemals akzeptiert hätten, wenn wir die wahren Erben der Resistance wären.“

Sarrazins Empörung las sich so: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

Hessel sorgte sich um die Gerechtigkeit. Sarrazins um Geld und Gene.

Es macht keinen Spaß, diese Feststellung zu treffen, aber sie ist wahr: In Frankreich wurde damals ein Buch der Hoffnung zum Bestseller. In Deutschland ein Buch der Niedertracht.

Man kann Thilo Sarrazin tatsächlich den Gründer einer reaktionären Renaissance in Deutschland nennen.

Bei Sarrazin, bei der AfD, bei PEGIDA – gibt es einen Systemverdruss, ein Systemmisstrauen, eine Systemverachtung. Das ist das Wesensmerkmal der Neuen Rechten überhaupt, auch das der amerikanischen Tea Party. PEGIDA hat ja das schlimme Wort von der „Lügenpresse“ verbreitet. Ich bin auch einer von dieser Lügenpresse.

Aber Sarrazin hatte diese Idee schon geboren: Er hat geschrieben: „Ich glaube, dass aktuell eine herrschsüchtige, ideologisierte Medienklasse ganz informell und ohne großen Plan zusammenwirkt mit einer opportunistischen und geistig recht wenig profilierten Politikerklasse.“

Er schimpft über einen angeblichen „Code“ dieser Medienklasse:

* „Sekundärtugenden wie Fleiß, Genauigkeit und Pünktlichkeit haben keinen besonderen Wert.“
* „Das traditionelle Familienbild hat sich überlebt. Kinder brauchen nicht Vater und Mutter.“
* „Alle Menschen auf der Welt haben nicht nur gleiche Rechte, sondern sie sind auch gleich, und sie sollten eigentlich alle einen Anspruch auf die Grundsicherung des deutschen Sozialstaats haben.“

Das ist zwar alles vollkommener Unsinn, den niemand verbreiten würde – außer Sarrazin selbst. Aber es ist sehr wirksamer Unsinn. Wenn jemand immerzu Prämissen widerlegt, die außer ihm selbst niemand aufstellt – dann ist das reine Propaganda.

Sarrazin hat mit seinen Büchern am Fundament einer neuen nationalkonservativen Ideologie gearbeitet: gegen Frauen, Homosexuelle, Muslime, Migranten und Linke. Er hat damit seinerzeit eine argumentative Versorgungslücke geschlossen, die sich beim auf Ressentiment sinnenden Kleinbürgertum aufgetan hat. Er hat Gedanken und Argumentationsfiguren den Weg in die Mitte der Gesellschaft geebnet, die sich früher am rechten Rand herumgedrückten.

„Die deutschen Gesichter haben sich verhärtet. Schärfer sind die Kinne geworden, verbissener die Lippen, brutaler die Unterkiefer.“ Kurt Tucholsky hat das geschrieben, 1921, als er sich die Figuren auf den Bildern von George Grosz ansah: die Unternehmer, die uniformierten Nachtwächter die Wenn-und-aber-Demokraten, die verhetzten Studenten, die gefügigen Staatsanwälte, die sturen Kleinbauern, die wildgewordenen Oberlehrer.
Diese Leute gibt es heute immer noch. Sie demonstrieren mit PEGIDA und sie wählen AfD. Aber das Gesicht hinter dem sie sich sammeln ist der lächelnde Herr Lucke, der freundliche Herr Lucke von der AfD.

Was ist das für einer? Mit dem Kindergesicht und dem Rechthaberlächeln. Ein Rechtspopulist? Ein ordentlicher Konservativer? Oder etwa Schlimmeres? Er selbst sagt von sich: „Ich bin ein Christdemokrat, der von seiner Partei verlassen wurde.“ Er will also für ein konservatives Bürgertum sprechen, das sich nicht mehr repräsentiert fühlt.
Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Der Mann ist mir unheimlich. Er lächelt immerzu. Aber hinter diesem Lächeln liegt eine große Wut.

Lucke ist für ein Europa der souveränen Staaten, für den Abbau der Brüsseler Bürokratie, für eine Neuordnung des Einwanderungsrechts und für ein „mütterfreundlicheres“ Deutschland. So stand es im Programm des Gründungskongresses der AfD.

Missverstehen Sie mich nicht: Erst einmal ist nichts besonders rechts oder gar extremistisch an der Idee, den Euro aufzugeben und eine neue, kleinere Währungsunion in den europäischen Nordländern zu gründen. Aber bestimmte Ideen gedeihen in einem bestimmten Umfeld besonders gut.

Und dieser drohende deutsche Unterton, der das Hintergrundrauschen der AfD bildet, der begleitet die Partei von Anfang an. Alexander Gauland, einst Staatssekretär des hessischen Alt-Konservativen Walter Wallmann, gab bei der Parteigründung einen interessanten Einblick in das Geschichtsdenken der AfD: „Deutschland war immer zu groß für Europa, aber zu klein für die Welt, und obwohl wir zwei Weltkriege hinter uns gebracht haben, hat sich das Problem erstaunlicherweise nicht reduziert.“

So kann man das auch nennen, wir haben zwei Weltkriege „hinter uns gebracht“.

In der AfD findet Deutschland zu einem schlimmen Teil seiner politischen Tradition zurück: zum Gedankengut der Deutschnationalen. Das war die Partei des Industriellen und Medienmoguls Alfred Hugenbergs. Er führte den Kampf gegen den Schmach-Frieden von Versailles, mit dem angeblich die „Versklavung des deutschen Volkes“ begonnen hatte.

In den Netz-Foren der AfD heisst es jetzt: „Der Euro ist wie Versailles ohne Krieg.“

Diesmal wird das deutsche Volk nicht versklavt – sondern ausgeblutet, als Zahlmeister Europas. Paranoia und historische Verdrehung, ganz wie bei den Vorvätern.

Und das ist tatsächlich „eine Schande für Deutschland“. Wolfgang Schäuble hatte Recht, als er die Partei neulich einmal so nannte. Aber er irrte als er sie mit den „Republikanern“ verglich. „Die haben sich schnell wieder erledigt“, sagte der Finanzminister: „Ich denke so wird es auch der AfD gehen.“ Falsch. Die AfD wird bleiben.
Allensbach hat herausgefunden, dass 44 Prozent der Deutschen die AfD für einen „Anwalt nationaler Interessen“ halten.

Wenn jetzt Wahlen wären, käme die AfD auf jeden Fall in den Bundestag.

„Ich möchte die AfD nicht dämonisieren“, hat die SPD-Generalsekretärin Fahimi neulich geschrieben. Das sollte sie aber. Denn mit der AfD ersteht der alte Dämon einer illiberalen Partei auf, wie die Deutschnationalen es waren.

Es war ein Irrtum zu glauben, die AfD habe den Platz der FDP eingenommen. Die AfD ist keine neue liberale Partei. Sie ist – wie ihr historischer Vorläufer – das glatte Gegenteil: der Inbegriff der Iliberalität. „Ich habe mich nie als liberal“ empfunden, sagt Bernd Lucke: „Gesellschaftlich wird Liberalität oft als etwas Permissives verstanden. … Es muss Grenzen geben. Und Grenzüberschreitungen müssen geahndet werden.“

Die Bild am Sonntag hat ihn gefragt: „Was ist der Unterschied zwischen dem AfD-Wahlplakat „Wir sind nicht das Weltsozialamt“ zum NPD-Plakat „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“?“ Er hat geantwortet: „Keiner. …. Aber wenn der Slogan richtig ist, ist er nun mal richtig. Oder finden Sie, dass wir das Sozialamt der Welt sein sollten?“

Die Logik sitzt. Da kann er nächstens auch plakatieren lassen: „Muslime sollen keine Kinder klauen.“ Das kann auch niemand wollen. Es zieht nur ausser der NPD sonst keine Partei derart in den Wahlkampf.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung konnte man lesen, die AfD werde in die rechte Ecke gedrängt und das sei „die Todeszone der deutschen Politik.“ „Rechts von der Union endet in Deutschland die Demokratie“, schrieb der Journalist Volker Zastrow.

Aber stimmt das wirklich noch?
Man kann ja sagen: Es findet gerade ein Paradigmenwechsel statt. Rechts ist gar nicht mehr so schlimm. Wenn es mal eine linksliberale Hegemonie gegeben haben sollte – dann nähert sie sich ihrem Ende.

Wir Deutschen präsentieren uns gerne als liebenswürdiges Volk. Es sind die selben Fahnen, mit denen man Fußballfröhlichkeit demonstrieren kann oder einen neuen Nationalismus. Wie können auch anders. Im beschaulichen Kneippkurort Bad Schandau haben ausländerfeindliche Bürger am Ortseingang ein Schild aufgestellt: „Bitte flüchten sie weiter, es gibt hier nichts zu wohnen!“ Eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung hat festgestellt, dass fast die Hälfte der Deutschen eine schlechte Meinung von Asylsuchenden hat und Ansicht sei, dass Asylbewerber ihre Notlage nur vortäuschen, um Leistungen in Deutschland zu erschleichen. Und wenn ein Asylbewerberheim in ein altes Hotel am See einziehen soll, wie im schönen Bautzen, dann wählen gleich 15 Prozent der Leute die AfD und 11 Prozent die NPD.
Die Enttabuisierung bestimmter Themen setzt das Ressentiment frei. Und wenn es einmal freigesetzt ist, frisst es sich durch das System. Das Ressentiment ist wie eine Säure.

Das ist nicht übertrieben. Nehmen Sie dieses Zitat von Bernd Lucke: „Wir lassen uns nicht einreden, dass man ausländerfeinlich ist, nur weil man sich für ein geordnetes Zuwanderungsrecht einsetzt.“

Und dann nehmen Sie dieses Zitat aus einem Leitartikel des Chefredakteurs der Zeit:

„Eine unkontrollierte Einwanderung ist nie nur ein Gewinn. Es gibt unter Migranten mehr Arbeitslose als im Durchschnitt der Bevölkerung und unter Ausländern mehr jugendliche Kriminelle, was oft soziale Ursachen hat. Die Terrorgefahr auf der ganzen Welt ist eine islamistische. Nur bringt es viele Menschen zur Raserei, wenn die Politik auf diese Probleme mit Verharmlosung und Sprechverboten reagiert.“

Der Mann von der AfD betätigt sich als reiner Demagoge: denn es gibt buchstäblich niemanden, der sich für eine vollkommen freie Zuwanderung einsetzt.
Und der Mann von der Zeit steht ihm nicht nach: denn natürlich gibt es in Deutschland keine „unkontrollierte Einwanderung“ Und es gibt auch keine „Verharmlosung“ – im Gegenteil. Alle Welt redet andauernd von den Problemen der Migration.

Und der Begriff vom „Sprechverbot“ gehört ohnehin zum reaktionären Repertoire. Es gibt in Deutschland keine Sprechverbote.
Manchmal wäre man direkt froh, es gäbe Sprechverbote. Zum Beispiel für die Leute von Pegida.

Aber halt – Vorsicht – in Zeiten von Twitter muss man aufpassen. „Augstein fordert Sprechverbot für Pegida“. Nein. Das war polemisch, ironisch, was auch immer. Jeder soll gerne jeden Unsinn verzapfen!

Die Sache mit der Islamisierung des Abendlandes, die war wirklich Unsinn. In Dresden sowieso: Hier gibt es drei Moscheen. Und zu den Freitagsgebeten versammeln sich da ungefähr 755 Muslime. Das ist in einer Stadt von
540 000 Einwohnern noch ganz überschaubar, finde ich.
Und in ganz Deutschland sieht es nicht viel anders aus: Der Anteil der Muslime liegt bei fünf Prozent. Im Jahr 2050 wird er nach seriösen Schätzungen bei sieben Prozent liegen.

Selbst beim schlechtesten Willen lässt sich daraus keine Bedrohung des deutschen Volkstums ableiten. Wobei man auch sagen kann, manche unserer lieben Landsleute sind so doof, dass ihnen ein bisschen Islamisierung auch nicht mehr schaden würde.
Da fällt mir die Meldung ein, die ich neulich im Postillon gelesen habe, dieser großartige Nachrichtenseite im Internet:

Ich lese mal vor:

Dresden (dpo) – Sie wollten gegen die Islamisierung des christlichen Abendlandes protestieren, nun sind sie selbst islamisiert: 52 Dresdner, die an der gestrigen PEGIDA-Demonstration teilnahmen, sind von einem versehentlich in ihre Reihen geratenen Moslem mit dem Islam angesteckt worden. Experten halten ihre Chancen auf Rechristianisierung für verschwindend gering.

Unter den Betroffenen ist die Stimmung gedrückt. Pascal R. (31): „Beim Barte des Propheten! Als ich heute Morgen aufgewacht bin, hatte ich so ein Kratzen am Hals beim Reden. Dann habe ich gemerkt, dass das daran liegt, dass ich Arabisch spreche und einen stattlichen Vollbart trage.“

Das war sehr lustig.

Nicht so lustig waren die Slogans, die neulich in Köln gerufen wurden: „Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder.“ Mitten in Köln, auf einer Demonstration wurde das gesungen.

Um den findet in Deutschland derzeit ja eine lebhafte Auseinandersetzung statt.
Christian Wulff hat gesagt „Der Islam gehört zu Deutschland“ – und Angela Merkel hat das mehrfach wiederholt.

Andererseits hat Stanislaw Tillich, ihr geschätzter Ministerpräsident, gesagt: „Der Islam gehört nicht zu Sachsen.“

Was eigentlich nur bedeuten kann, dass Sachsen nicht zu Deutschland gehört.

Im Kampf gegen den Islam läuft vieles zusammen: wir haben ein grundsätzliches, ein säkulares Misstrauen gegenüber einer frommen Religion. Wir zürnen über den frauenfeindlichen Sexismus in den islamischen Staaten. Es gibt aber eben auch diesen sozialen Rassismus gegenüber der Religion der Deklassierten – denn das sind zumal die arabischen Staaten ja. Und natürlich haben wir hier auch einen genuinen Rassismus, der im Islam das Fremde ablehnt. Das trifft sich alles in einem Punkt: der Verallgemeinerung der Muslime. Es gibt keine Individualität mehr und keine Pluralität. Es gibt nur den Islam.

Lassen Sie mich eine Sache sagen: Wer den Muslimen die Schuld am Anti-Islamismus in die Schuhe schiebt ist ebenso perfide, wie jemand, der die Juden für den Antisemitismus verantwortlich macht. Das Ressentiment sucht sich seinen Weg allein. Für ihren Hass auf Muslime brauchen deutsche Spießer die Abweichungen des Islam ebensowenig wie die Antisemiten für ihren Hass gegen die Juden irgendwelche Neuigkeiten aus Israel brauchen. Was Adorno das „Gerücht über die Juden“ nannte, nährt sich selbst. Und so nährt sich heute auch das „Gerücht über die Muslime“ selbst.

Also, warum hat ihr Ministerpräsident in diese Islam-Kerbe gehauen? PEGIDA. Die Bewegung hat zwar ihre besten Tage schon wieder hinter sich. Aber die Leute, die sie getragen haben, lösen sich ja deswegen nicht alle plötzlich in Luft auf.

Wir sollten PEGIDA dankbar sein. Für einen kurzen Moment haben sich die auf der Straße blicken lassen, die sonst ihre schlechte Laune nur in den Schmuddelecken des Internets abladen.

Es ist in Deutschland ja so: sobald irgendein neues Phänomen um die Ecke kommt, sind sofort ganze Horden und Heerscharen von Sozialforschern da, um es zu studieren. Also, wir wissen, dass der typische PEGIDA-Demonstrant gut ausgebildet ist, und aus der Mittelschicht stammt. Und in Wahrheit interessiert er sich einen feuchten Kehricht für den Islam – wie auch? Er hat damit ja nichts zu tun.

Nicht einmal ein Viertel der Befragten gab in irgendeiner Form an, ihre Teilnahme habe mit dem Islam zu tun. Die meisten gingen zu PEGIDA, weil sie „unzufrieden mit der Politik“ und mit den Medien seien.

Die PEGIDA Demonstranten sind das Fußvolk der AfD. Ganz einfach.

Von denen, die bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme abgegeben haben, hatte sich 45 Prozent für die AfD entschieden, 28 Prozent für die CDU – und knapp 7 Prozent für die Linke. Bei den Landtagsawahlen bekam die AfD in PEGIDA Kreisen sogar über 50 Prozent – und wenn jetzt gewählt würde annähernd 90 Prozent.
Medien und Politik haben im vergangenen Winter schnell reagiert – und falsch reagiert: sie wollten „verstehen“ und „erklären“. Aber sie verstanden das falsche und erklärten das falsche.
Der frühere Präsident des Deutschen Bundestags Wolfgang Thierse sagte, die Politik müsse besser erklären, „warum wir Zuwanderung brauchen.“ Er nahm also die Demonstranten beim Wort: sie protestieren gegen Zuwanderung. Also erklärt er, warum man Zuwanderung braucht. Schon hat er damit das rechte Argument, dass wir zu viele Ausländer im Land haben geadelt.
Ich glaube aber nicht, dass es hier wirklich um Ausländer geht – sondern um den schwindenden Konsens und die zunehmende soziale Kälte in einem ungerechter werdenden Land.

Eine ganz andere Antwort fand der Schriftsteller Durs Grünbein, der selbst aus Dresden stammt, jetzt in der Zeit. Auf den ersten Blick gar nicht unsympathisch, spricht er mit einer ästhetische Wut, mit einer ein bisschen dünkelhaften Verzweiflung:

„von den neuen Kleinbürgern, Sklaven der Konsumwirtschaft, die um nichts so sehr Angst haben wie um ihr bißchen Besitz (das Auto, den Fernseher, die Couchgarnitur, das Abo im Fußballstadion). Ihre Vulgarität zeigt sich in ihren Forderungen an den Staat, ihren Ansprüchen, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Erich Kästner denkt an sie schon in seinem Gedicht Zeitgenossen haufenweise aus den zwanziger Jahren: „Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern, / und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.““

Aber da blieb Grünbein eben auch nur am Symptom hängen und hat keine befriedigende Erklärung für die Ursachen.

Diese Erklärung sollte man nicht in einer irgendwie normalen, zwar bedauerlichen aber doch verständlichen Ausländerfeindlichkeit suchen. Und man sollte sie auch nicht in einer kulturellen Eigenart und Minderwertigkeit suchen, je nach dem. Sondern dort, wo sie liegen – in einem zunehmend ungerechten Wirtschaftssystem.

Ich komme ja aus Hamburg. Wie Hans Albers, der kam auch aus Hamburg. Der hat das schöne Lied gesungen:
Ihr erster, der war ein MatroseDer war auf der Brust tätowiertEr trug eine meerblaue HoseUnd sie hat sich so schrecklich geniert

Da kommt dann dieser Refrain:
Beim ersten Mal Da tut’s noch weh.Da glaubt man nochDass man es nie verwinden kann.Dann mit der Zeit so peu a peuGewöhnt man sich daran
Daran muss ich immer wieder denken, an dieses Sich-Gewöhnen …
Die Deutschen haben sich auch gewöhnt – und zwar an die Ungleichheit. Sie spüren den Schmerz nicht mehr. Deutschland ist ein Land, in dem die Ungleichheit zunimmt und die Chancen ungerecht verteilt sind. Es war es nicht die Linkspartei, die das neulich gesagt hat. Sondern die OECD. Und da sitzen keine Sozialisten, soweit ich weiß.
Leider muss erst eine internationale Organisation kommen, um uns das Land zu zeigen, in dem wir leben. Von deutschen Politikern (ausser den Linken) werden Sie solche Worte nicht hören. Und in deutschen Zeitungen (von Ausnahmen abgesehen) werden Sie sie kaum lesen.
Kurze Zwischenfrage: Was macht eigentlich die SPD?
Die OECD hat also im vergangenen Jahr bei der Vorstellung ihres Länderberichts gesagt: „Unsere Kernbotschaft ist, dass Deutschland ein inklusiveres Wachstumsmodell verfolgen sollte. Basierend auf guten Löhnen, einem fairen Steuersystem, gleichen Bildungschancen für alle und höheren Bildungsinvestitionen.“
Ein faires Steuersystem. Gleiche Chancen. Ausreichende Bildungsinvestitionen. All das sieht die OECD in Deutschland nicht gewährleistet.
Und jetzt hören wir, was der Wirtschaftsminister dazu sagt – der ist ja auch Chef der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Eigentlich ist er also doppelt zuständig, wenn internationale Experten anmahnen, dass der Bildungserfolg hierzulande immer noch stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Kinder abhängig ist. Sigmar Gabriel hat gemurmelt: „Das ist etwas, über das wir in Deutschland noch intensiver reden müssen.“ Das war alles.
Es ist nämlich so: Ob die Sozialdemokraten in der Regierung saßen oder nicht – die soziale Schere hat sich in Deutschland immer weiter geöffnet. 1970 verfügte das oberste Zehntel der Gesellschaft über 44 Prozent des gesamten Nettogeldvermögens. 2011 waren es 66 Prozent.
Fast acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten für Niedriglöhne. Etwa zwölf Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze. 25 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben sogenannte prekäre Jobs: Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge, Praktika. Jeder zweite neu zu besetzende Arbeitsplatz ist befristet.
Unser Steuersystem begünstigt die Unternehmen und die Reichen. Achtzig Prozent des Steueraufkommens stammen aus Lohn- und Verbrauchssteuern. Nur zwölf Prozent aus Unternehmens- und Gewinnsteuern. Eine der irrwitzigsten Ungerechtigkeiten: während Einkommen aus Arbeit mit bis zu 45 Prozent besteuert wird, zahlt man auf Kapitaleinkünfte nur 25 Prozent.
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hat dazu geschrieben: „Die Verteilungsgerechtigkeit, der oberste Grundsatz jeder seriösen Steuerpolitik, wird bei der Distribution des erwirtschafteten Sozialprodukts krass missachtet.“
Das Ergebnis: Die Reichen waren in Deutschland noch nie so reich wie heute. Sie haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren schamlos selbst bedient – und man hat sie gewähren lassen.
Wer darauf vertraute, dass die Parteien, die Gewerkschaften, die Medien sich der Sache der Gerechtigkeit annehmen würden – der hat sich geirrt.
Die Arbeitnehmer wurden im Stich gelassen. Am schlimmsten haben die Gewerkschaften versagt.
„Danke, lieber Herr Sommer, für Ihre Hingabe und Ihre Hartnäckigkeit, für Ihre Weitsicht und auch für Ihre Kompromissbereitschaft, wenn sie nötig wurde.“ So hat Bundespräsident Gauck neulich den scheidenden DGB-Chef gelobt. Tatsächlich. Unter Sommer waren die Gewerkschaften so „kompromissbereit“, dass die Vorstände der DAX-Unternehmen in aller Ruhe ihr Salär von 500.000 DM im Jahr 1989 auf durchschnittlich sechs Millionen Euro im Jahr 2010 wachsen lassen konnten – erst zwanzigmal so viel wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer, dann zweihundertmal. Rechtfertigung? Keine. Eine Frage der Macht, nicht der Moral.
Der Armutsbericht der Bundesregierung – eingeführt, immerhin, unter rot-grün – zeigt an seiner erschütterndsten Stelle, wie wenig Illusionen sich die Menschen über die deutsche Wirklichkeit machen. Wenn man sie nach den Gründen für Reichtum in der Gesellschaft fragt, nennt gerade mal ein Viertel besondere Fähigkeiten oder harte Arbeit. Eine viel größere Anzahl dagegen führt die Herkunft an (46 Prozent) oder das soziale Netzwerk (39 Prozent). Die ganz Enttäuschten halten gleich Unehrlichkeit (30 Prozent) oder die Ungerechtigkeit des Wirtschaftssystems (25 Prozent) für die Wurzeln des Wohlstands.
Da wundert sich Sozialhistoriker Wehler: „Es bleibt bisher eine offene Frage, weshalb sich nur geringer Widerstand gegen die maßlose Einkommens- und Vermögenssteigerung regt“. Und ich wundere mich eigentlich auch.
Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Die Industrie, die regierenden Parteien, große Teile der Medien, willfährige Forscher und Institute – sie alle helfen, die Tatsachen zu leugnen, zu relativieren, zu ignorieren. Das Kartell der Profiteure ist so stark, dass es auf die Wirklichkeit keine Rücksicht mehr nehmen muss. Es schafft sich seine eigene Wirklichkeit.
Und wenn gar nichts mehr hilft, kommt das Argument, dass Geld ja nicht glücklich macht. So wie es neulich der Abgeordnete Matthias Zimmer für die Unionsfraktion vorbrachte, als der Bundestag über den Armutsbericht debattierte: „Die ganze Debatte wird ohnehin zu sehr mit Blick auf lediglich materielle Faktoren geführt.“
Währenddessen können wir den Niedergang unserer Gesellschaft längst mit eigenen Augen sehen. Die Schulen verfallen, die Städte verrotten, die Straßen verkommen, an den Kreuzungen klauben Menschen Pfandflaschen aus den Mülleimern. Aber man hat uns beigebracht, unseren Augen nicht mehr zu trauen und Ungerechtigkeit für Notwendigkeit zu halten und Unsinn für Vernunft. Alles dient dem Zweck, die Erträge, die unten erwirtschaftet werden, nach oben fließen zu lassen und gleichzeitig zu verschleiern, dass es sich so verhält. Die Gesetze, das Steuergefüge, die Werte – das System.
Es ist ein System der Lüge. Die Ideologen des Neoliberalismus reden gerne von Leistung, die sich lohnen soll. Aber wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einem Ständestaat. In seiner Agenda-Rede hatte Gerhard Schröder im Jahr 2003 gesagt: „Es darf nicht so bleiben, dass in Deutschland die Chance des Gymnasialbesuchs für einen Jugendlichen aus der Oberschicht sechs- bis zehnmal so hoch ist wie für einen Jugendlichen aus einem Arbeiterhaushalt.“ Und heute sagt Sigmar Gabriel im Bundestag immer noch: „Dieser Sozialstaat muss alles dafür tun, damit ererbter Status nicht zum Schicksal wird. Wir wollen nicht, dass die Frage der Herkunft das Schicksal der Menschen bestimmt.“
So sieht also dieses Deutschland aus, über das die Wochenzeitung Zeit schreibt: „In diesem Land geht es den meisten Menschen gut, gemessen an manchen europäischen Nachbarn könnte man sogar sagen: obszön gut.“

Und wenn es der Kuh zu gut geht, dann läuft sie aufs Eis. So kann man sich den unheimlichen rechtsbürgerlichen Protest natürlich auch erklären, dessen Aufkommen Deutschland in den vergangenen Jahren erlebt hat: dem Deutschen, diesem ewigen Michel, diesem Nörgel-Michel geht es einfach zu gut.

Ich habe Ihnen erklärt, dass ich das nicht glaube.

Heinz Bude hat hier neulich von den Menschen gesprochen, die anfällig sind für das neue rechte Denken und den neuen Islam-Hass: er nannte sie die Selbstgerechten, die Übergangenen und die Verbitterten.

Was machen wir mit denen? Da helfen weder ästhetischer Dünkel noch Rechthaberei noch Verständnishudelei.

Das sind die Schwachen, die sich noch Schwächere suchen. Die Furchtsamen, die sich solche suchen, die noch verwundbarer sind.
Denen müssen wir die Augen öffnen. Die müssen wir mitnehmen. Also brauchen wir schon Demonstrationen. Hier in Dresden und in ganz Deutschland.

Aber nicht gegen die Islamisierung des Abendlandes, sondern gegen seine Prekarisierung.

Nicht gegen Ausländer. Sondern gegen Armut.

Nicht gegen Einwanderer. Sondern gegen die Ungleichheit.

Nicht gegen fremde Kulturen. Sondern gegen die eigene Kultur der Kälte.

Ich gebe diese Hoffnung nicht auf.
Vielen Dank.

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1] https://www.facebook.com/JakobAugstein/posts/902656109779318

Blick in die Seele eines Fans.

Veröffentlicht: 7. Februar 2015 in Management, Marketing
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BVBDie Welt der Fans, insbesondere die der Fußball Fans,  ist irgendwie ´Outer-Space´. Segen und Fluch zugleich, die starke emotionale Bindung. Eine Marke, wie die des BVB, die ´Wahre Liebe´ als Kristallisationspunkt der Fan-Identität lebt, verspricht zur Zeit eine hohe Leidensdichte mit der sonst nur Schalke 04 mithalten kann. Hier hilft kein noch so exotisches Marketing-Instrument oder das Kano-Modell zur Analyse von Kundenwünschen. Fans sind Fans und keine Kunden. Wie schreibt der englische Comedian Jim Smallman [1] „I fell in love with football when I was a kid because even Filbert Street seemed massive and intimidating and loud and fun. Now I´m an adult, Dortmund made me feel like that again. It´s a magical stadium filled with the most brilliant fans I think I will ever see.“

Zur Zeit steht BVB 09 auf dem letzten Tabellenplatz. Vor einer Woche nach dem 0:0 gegen Leverkusen zwar auf dem vorletzten Platz aber mit der typisch schnodrigen Ruhrgebietsansage des Stadionsprechers Nobi Dickel nach der Niederlage Bayerns- „Getzt ein Punkt weniger Abstand zum Tabellenersten.“ Das war ein Ansage! Zur Zeit ist der folgende Post eines Fans nach der Heimspielniederlage gegen Augsburg [2] eher typisch.

“ Hallo Trainer! Was war denn gestern Abend los? Unglaublich, was ihr da vorgetragen habt. Gespielt wie ein Absteiger. Das tut mir in der Seele weh, zu sehen was die Jungs und du seit der Hinrunde da so wöchentlich vortragen. Ich komme, seit ich 1986 mein erstes Spiel gegen Fortuna Köln gesehen habe, regelmäßig zum BVB. Ich bin sogar nach 30 Jahren als Fan auch Mitglied geworden, was eigentlich völlig gegen meine Prinzipien verstößt, irgendwo Mitglied zu sein. Ich war stets der Borussia treu und habe einige Freunde auch bei den Amateuren als Spieler gehabt. Meine Familie war nie reich, eher arm aber das Geld für eine Karte haben sich meine Eltern immer vom Mund angespart damit der Junge seine Borussia sehen kann. Viel Kummer und auch unglaublich viel Freude hat die Borussia mir bereitet und viele private Schicksalsschläge wurden so abgemildert wenn ihr toll gespielt habt. Ich war in Brügge, in Mostar und Glasgow und in München im CL-Finale 97 und in Berlin 89 beim DFB-Finale.

Aber sowas konstant Schlechtes wie seit April 2014 habe ich noch nie erlebt. Ihr lebt im Luxus und wir sparen uns das Geld für die Karten vom Mund ab. Manchmal bin ich hungrig und durstig nach dem Spiel zu Fuß vom Stadion bis nach Waltrop gelaufen weil das Geld für einen Döner, ne Cola und für die Fahrkarte heim gefehlt hat! Aber darauf bin ich stolz, euch immer treu gewesen zu sein. Ihr tut mir weh und ihr enttäuscht mich weil ihr die Möglichkeiten,die ich nie hatte und sie euch geboten werden, nicht nutzt. Erfolg im Leben haben, bedeutet einmal mehr aufstehen als man hingefallen ist. Kämpft endlich und fügt MEINER Borussia nicht noch mehr Schaden zu. Kämpft für mich und all die anderen kleinen Leute, die euch reich gemacht haben. Los jetzt, aufstehen und Gas geben.“

1] http://thefootballneutral.com/2015/02/06/the-football-neutral-match-forty-borussia-dortmund-vs-fc-augsburg
2] Facebook, Borussia Dortmund, K. Thätmeyer, 06.02.2015, 14:15

Yo man, motivation might be quite easy

Veröffentlicht: 28. November 2014 in Be happy, Macht, Management
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In Downing Street 10 geschieht es. Im Oval Office geschieht es. Im Kanzleramt unglaublicherweise auch. Auf der einen oder anderen Toilette zeitigt es erstaunliche Erfolge. Neben vielen anderen Lokalitäten. Gemeint ist der professionelle Einsatz des Nudge [nʌdʒ]. Des vorsichtigen Stupsers. Eines bedenkenswerten Kindes des libertinären Paternalismus.

Der Begriff Nudge wurde vom Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und dem Rechtswissenschaftler Cass Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ geprägt und wird zunehmend, von den meisten unbemerkt, im Alltag eingesetzt. Zur Freude zum Beispiel ´genudger´ Restaurantbesitzer und Toilettenmänner, auf deren Toiletten Urinale mit gut erkennbaren schwarzen Keramik-Fliegen oder grüne Fussballtore angebracht sind. Männer zielen messbar präziser in das Urinal wenn ein Nudge ihren Jagdinstinkt anspricht.

Ein Nudge ist nach Sunstein und Thaler das Gegenteil eines Verbots oder eines Befehls. Er vermittelt dem Probanden den Eindruck von Entscheidungsfreiheit und hat deshalb die Kraft, das Verhalten von Menschen tatsächlich zu beeinflussen. Die Verhaltensökonomik bietet inzwischen ein reichhaltiges Angebot an verläßlichen Reflexen, die zum Nudgen eingesetzt werden können. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit von uns bevorzugt werden. Der Eindruck von Entscheidungsfreiheit ist dann natürlich eine Illusion. Sie ahnen jetzt, warum sich Obama, Cameron und Merkel für die Gestaltungsmöglichkeiten des Nudgens so sehr interessieren. Alle drei beschäftigen hierfür professionelle Teams.

Das alles klingt nach Manipulation. Ist es auch. Wem von uns wären gelegentliche angenehme Manipulationen nicht willkommen. So auch den Benutzern in folgendem Video, die sich unter bestimmten, genudgten Umständen entschieden, die Treppe einer S-Bahnstation leichten und nicht mühsamen Fußes zu benutzen und die Rolltreppe unbeachtet rechts rollen zu lassen. Raten Sie jetzt schon, welcher Nudge instrumentalisiert wurde? Ganz einfach: Freude, Spaß.

Yo man – chasm, or no chasm: that is the question

Veröffentlicht: 26. Oktober 2014 in Management
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