Mit ‘Brinkmanship’ getaggte Beiträge

GewitterEs hilft nichts. Absolut nichts, wenn der griechische Regierungssprecher Gavril Sakellaridis heute im griechischen Fernsehen zum aktuellen Beschluss der Europäischen Zentralbank sagt: „Wir lassen uns nicht erpressen. Wir haben ein Mandat vom griechischen Volk erhalten.“ Was ist geschehen? Die EZB hat beschlossen, dass die Sonderregelung, griechische Staatsanleihen zur Absicherung von EZB-Krediten zu nutzen, ab dem 11. Februar nicht mehr gilt. Dies wird zu Liquiditätsproblemen Griechenlands führen. Die Forderung der griechischen Regierung nach ´Schuldenschnitt´ scheint zunehmend schwieriger zu realisieren.

Wo liegt der Knackpunkt hierbei? Er liegt unter anderem da, Ziele professionell zu definieren. Ziele, für deren Erreichung in diesem Fall die griechische Regierung voll verantwortlich sein muss. Gute Manager werden genau das tun. Ihr Erfolg hängt unmittelbar davon ab. Lassen Sie es mich umgekehrt formulieren, je größer der Beitrag anderer zur Erreichung meiner Managementziele ist, desto mehr bin ich bei der Umsetzung fremdbestimmt. Ein kapitaler Fehler, weil es meine Entscheidungs- und Verhandlungssituation massiv schwächt. Es mag mindestens zwei Gründe dafür geben, warum die Regierung ihren Wählern das Versprechen zum Schuldenschnitt gegeben hat:

1. Sie war sich der Unterstützung einiger maßgeblicher Stakeholder sicher, die für die Erreichung ihres Ziels wichtig sind. Unter anderem der italienischen- und französischen Regierung.  Vielleicht der EZB, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments. Eher nicht, der nicht unwichtigen Zustimmung der deutschen Regierung.  Äußerungen des griechischen Vize-Kulturministers Xydakis überraschen dann: „Schäuble benimmt sich, als führe er das Vierte Reich. (Die Freie Welt, 2015)“. Oder Finanzminister Varoufaris „Der Euro ist nicht zukunftsfähig. Die Art und Weise, wie die EU diese Krise anging, war monumental idiotisch. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Situation nicht unter Kontrolle . . .  .(profil, 2015)“ Für einen ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance, sagt der Volksmund. Der Nobelpeisträger Kahneman (2005), Vater der ´Kognitiven Verzerrung´, verleitet zur Schlussfolgerung, dass der erste Eindruck, den das Management-Team Tsipras´ hinterließ, schwierig zu korrigieren sein wird. Bei allem Bemühen um Rationalität, geht es auch darum, das Gesicht zu wahren. Für alle Parteien. Zumal die Zeit drängt. Ende Februar, steht die nächste Hilfskredit-Tranche an. Die an die Zahlung geknüpften Bedingungen sind von der griechischen Regierung noch nicht erfüllt.

2. Die Regierung spielt das vor einigen Tagen in meinem Post beschrieben Spiel Brinkmanship. In kleinen Schritten, mit zunehmenden Risiken wird das Spiel um die Regierungsversprechen eskaliert, bis die Situation dem Bedrohten, der Rest-EU, zu riskant erscheint und sie nachgibt. Zu dieser Strategie gehören neben anderen, gestreute Befürchtungen möglicher Panikreaktionen. Möglicherweise bedarf es eines Psychopathen, um dieses Spiel konsequent zu Ende zu führen. Eines, der auf der Psychopathie-Checkliste-revised (PCL-R) nach Robert D. Hare, die volle Punktzahl erhält. Mit dem Charme George Clooneys und der Gefühllosigkeit Hannibal Lecters. Ich bin nicht sicher, ob es den bereits im Spiel gibt. Hoffentlich nicht.

Wie schreibt der „alte“ Fahrensmann, Volker Altenähr, 28 Jahre Vorstand in diversen Versicherungen vor einigen Tagen in diesem Blog: „Jede Entscheidung muss sorgfältig vorbereitet werden, Sorgfalt geht dabei vor Schnelligkeit. Nur Mitarbeiter mit großer und langjähriger Erfahrung können unter Umständen schnelle Entscheidungen aus dem Bauch heraus  treffen, so wie ein sehr erfahrener Schachspieler bestimmte Situationen sofort erkennt und mit dem richtigen Zug antwortet.“ Tsipras und Varoufakis fehlen laut beider Wikipedia-Biographien diese Managementerfahrung.

Bleibt zu hoffen, dass beide gute, erfahrene Berater haben. Im Interesse Griechenlands und Europas. Und es bleibt zu hoffen, dass sie die konfrontative Brinkmanship-Strategie durch eine kooperative ablösen.

Es gibt in der Spieltheorie eine Methode, welche die neue griechische Regierung in den ersten Tagen nach der Wahl Brinkmanshipvirtuos eingesetzt hat. Dabei wirkten die Hinweise verschiedener Mitglieder der Regierung so chaotisch, die Situation um die Rückzahlung von Schulden gegebenenfalls an den Rand eines Abgrundes zu fahren. Des Desasters. Den Totalverlust für alle beteiligten Parteien. Spieltheoretisch ist es eher nach Lehrbuch gelaufen. Der Name der Spiels heißt  Brinkmanship. Konzipiert vom ehemaligen US-Außenminister John Foster Dallas während des kalten Krieges. Durch den Ökonomen Thomas Crombie Schelling 1960 in seinem Buch „The Strategy of Conflict“ als Begriff geprägt. Geprüft im Stahlbad der atomaren Aufrüstung, des Vietnamkrieges und des Irakkrieges. Schelling und Aumann bekamen in 2005 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, so die Akademie in Stockholm, weil sie durch spieltheoretische Analysen unser Verständnis von Konflikt und Kooperation maßgeblich voran gebracht haben. Nach Schelling sollten die auf US-Seite zum Beispiel am atomaren Wettrüsten beteiligten Führer gelegentlich Drohungen ausstoßen und die eine oder andere Sache dem Zufall überlassen. Ein gefährliches Spiel.

Brinkmanship ist die Strategie der Drohung eines Verhandelnden mit dem Risiko, nicht mit der Gewissheit, eines für beide Seiten schlechten und unerwünschten Ergebnisses, des Desasters wenn der Gegenspieler dem Verlangen des Drohenden nicht nachkommt. Brinkmanship erzeugt absichtlich ein Risiko, das nicht vollständig kontrolliert werden kann. Während der Verhandlung wird das Risiko eines beiderseitigen Unglücks schrittweise gesteigert. Brinkmanship ist also eine riskante Strategie weil sie durch das Risiko eines nicht abzusehenden Fehlers, eines Missverständnisses oder einer erfolglosen Drohung zu einer Katastrophe, einer Umwendung kommen kann. In der reinen Lehre wird nicht mit dem ´Worst Case´ gedroht. Diesem wird keine Glaubwürdigkeit zugestanden, weil die tatsächliche Umsetzung wegen der drastischen Konsequenzen sehr unwahrscheinlich ist. Brinkmanship erfordert kleine Schritte kleiner Drohungen mit geringen Risiken, die Schritt für Schritt verstärkt werden. Die Strategie läßt Situationen teilweise außer Kontrolle geraten, um für die gegnerische Partei unerträgliche Zustände zu initiieren.

Es bleibt zu hoffen, dass der griechische Finanzminister Varoufakis, Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker (Spieltheoretiker) auch mit den grundlegenden Prinzipien deterministischer und nicht-deterministischer Chaostheorie vertraut ist. Dem, was neben mathematischen Modellen der Spieltheorie im richtige Leben immer wieder zu Überraschungen führt. Den großen Auswirkungen kleiner Ursachen.