Überall Communicado

Veröffentlicht: 13. Februar 2011 in Gesundheit, Sichtweisen
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„Oft sage ich mir abends: Zu viel gelesen, zu viel geredet, zu wenig nachgedacht.“ Dieser Seufzer wird Henning Schulte-Noelle, dem früheren Vorstandvorsitzenden der Allianz, zugeschrieben. Wer von uns würde dem nicht zustimmen und feststellen: „Genauso geht es mir selbst?“ Über uns schlägt eine immer gigantischere Welle an Informationen zusammen, der wir uns nur schwer entziehen können. E-Mails, das ubiquitäre Mobiltelefon, die Flut von Zeitungen und Zeitschriften, die wir auf keinen Fall verpassen wollen, Bildschirme in Büros, Sitzungsräumen, Lounges, im Flugzeug, in der Bahn, Werbung überall, das Ganze nicht nur Werktags, sondern auch sonntags, rund um die Uhr. Musik berieselt uns allerorten, in Hotels, in Verkehrsmitteln, in Geschäften,im Auto, Voicemails und Faxe erreichen uns jederzeit und an den abgelegendsten Orten. Kein Wahrnehmungskanal wird ausgespart. Mit UMTS wird das Handy zum visuellen Kanal, in Japan erlebt man das bereits sehr plastisch. Kürzlich reiste ich zwei Wochen quer durch China: An keinem Ort blieb mein Handy ohne Kontakt zum Mobilfunknetz. Ich war überall communicado – einst ein Wunschtraum, der zum Alptraum zu mutieren droht.

Hermann Simon, Think, Frankfurt, 2004, S. 17, Campus Verlag GmbH

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