Die Schule der Macht

Veröffentlicht: 18. November 2010 in Erfolg, Universität, Verwaltungen
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Die Ecole Nationale d’Aministration (ENA) ist die berühmteste Eliteschule Frankreichs. Die höchsten Beamten des Staates werden hier ausgebildet. Sie wurde 1945 von de Gaulle gegründet für den Aufbau einer von der Vichy-Vergangenheit unbelasteten Verwaltung. Die ENA ist eine von  über 200 Grandes Ecoles an denen 180.000 Studenten den Grundstein für ihrer Karrieren legen. Ihre Absolventen, die Enarchen, besetzen die Stabsstellen des Landes und sind in allen Behörden und Ministerien in Top-Positionen zu finden.

Der Weg an die ENA ist lang und hart. Die Bewerber, die meist schon ein Studium oder sogar berufliche Praxis hinter sich haben, büffeln in über zwei Jahre andauernden Vorbereitungskursen. In den Aufnahmeprüfungen wird vor allem Allgemeinbildung getestet – mit einer Durchfallquote von über 90 %. Besonders gefürchtet ist das Grand Oral, das Große Mündliche, in dem Prüflinge einen kühlen Kopf wahren müssen, um schlagfertig und souverän antworten zu können. „Was ist der Unterschied zwischen einem Liebhaber und einem Ehemann?“ oder „Wie tief ist die Donau in Wien?“ Die Schriftstellerin Francoise Chandemagor antwortete auf die Frage nach der Donau – „Das kommt darauf an, auf welcher Brücke Sie stehen.“ Der Unterschied zwischen Liebhaber und Ehemann sei wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht.

Es geht weniger darum, die richtige Antwort parat zu haben, als vielmehr, geschickt mit der Situation umzugehen, eine Standpunkt zu vertreten. Es geht um rhetorisches Geschick, das Vermögen, die Situation schnell zu analysieren und das in Frankreich überall gelehrte dialektische Verhältnis zwischen These-Antithese-Synthese zu beherrschen. Während der zweijährigen Ausbildung stehen weder humboldtsche Einsamkeit noch Freiheit des Forschens im Mittelpunkt.  Sondern Fallstudien und Rollenspiele. Die Dozenten und die Lehrbedingungen sind exzellent.

Die ENA bringt Generalisten hervor, umsetzungsstarke Analytiker, die später in beliebigen Bereichen eingesetzt werden können. Diese Methode ist effizient, aber nicht unumstritten, denn sie tendiert zu einer gewissen Oberflächlichkeit und birgt das Risiko, Einzelkämpfer hervorzubringen.

Zu einem Ruder-Achter gehören ein Steuermann und acht Ruderer. Wenn die Mannschaft der ENA antritt, wollen acht steuern, einer rudert. Selbst an der ENA lacht man über diesen Witz und gibt zu, dass etwas Wahren daran sei.

Für die Zukunft haben die Enarchen gegenüber ihren Altersgenossen einen unschätzbaren Vorteil: den Kontakt zu früheren Absolventen. So entstehen Netzwerke und Seilschaften. Das Jahrbuch der Ehemaligen weist tausende von Adressen mit der aktuellen Position auf und erleichtert die Lösung vieler Probleme.

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