Droge ´Social Media´

Veröffentlicht: 20. Januar 2013 in Dummheit, Facebook, Social Media
Schlagworte: , , , , , ,

20130120-175723.jpgWenn man nur darauf fixiert ist, immer besser zu werden, der Nummer 1 näher zu kommen, kann es passieren, dass man  den eigentlichen Zweck seines Business vergisst. Eine kleine, zum Glück nicht tragisch ausgegangene Geschichte um die Magie von Zahlen.

Kennen Sie KLOUT? Nein?  Dann geht es Ihnen wie mir vor einigen Monaten. Einer meiner argentinischen Studenten, Leonardo, hat mich eingeladen, KLOUT zu nutzen, um meine Online-Reputation [1] in sozialen Netzwerken zu verbessern. KLOUT ist so etwas wie ein intelligentes Cockpit, das nach nicht öffentlich bekannten Algorithmen ein Ranking bestimmt und die Ergebnisse in verschiedenen ´Bling-Bling-Armaturen´ sehr eingängig präsentiert. Für mich, Barack Obama, Justin Bieber oder Richard Branson und viele andere. Hierzu wertet es Reaktionen aus auf Justins Präsenz zum Beispiel in sozialen Netzwerken wie Facebook, Google Plus, WordPress, Instagram und Twitter.

Klout soll dazu unter anderem die Freundeszahl, Aktivitäten wie ´Like it´[2] oder ´Re-Tweets´ [3] und die Anzahl von Weiterempfehlungen nutzen. Je weniger Aktivitäten und je geringer die Reaktion auf diese Aktivitäten, um so geringer fällt der Klout-Score aus. Der kann zwischen 100 und 0 liegen. Justin Bieber und/ oder sein Social Media-Team managen das offensichtlich besonders gut. 99 Punkte. Je höher der Score desto besser ist die Online-Reputation. Der Virgin-Unternehmer Branson [5] hat einen Score von 91, Obama 90, mein Student Leonardo 58 und ich 41. KLOUT gibt viele Hinweise, wie man sein Ranking verbessern kann. Analyse-Tools geben – grafisch sehr ansprechend gestaltet – Hinweise, wo und wie man seine Präsenz optimieren kann.

Über zwei Monate hinweg habe ich meinen Aufwand deutlich erhöht, in verschiedenen Netzwerken präsent zu sein. Mühsam erkämpfte höhere Scores schmolzen dahin, wenn ich einige Tage auf meinen Management- Seminaren war und die KLOUT-Analysedaten nicht regelmäßig auswertete und meine Präsenz in Twitter, Facebook oder Google Plus optimierte. Ein frustiges Geschäft. Interessant, dass ich zunehmend auf die eine Zahl, den KLOUT-Score fixiert wurde und mein anfängliches Ziel aus den Augen verlor,  mein Brand emotional aufzuladen. Es sollte eigentlich eine Reise werden, meine potentiellen Kunden zu entdecken. Womit im Themenfeld Führung, Management kann ich ´Moments´ stiften. Augenblicke, die einen emotionalen Mehrwert darstellen, aus denen sich dauerhafte Neukunden generieren lassen, sogenannte Leads. Nach drei Monaten stellte ich fest, dass KLOUT keine Schnittstelle zu meiner selbst erstellten WORDPRESS-Anwendung anbietet. Meiner bis dahin zentralen Anwendung, meinem Management-Internet-Tagebuch ´shaping Alpha power´ mit 250 Beiträgen, meist Analysen mit 17.000 Zugriffen seit zwei Jahren. Sie werden bei der Berechnung des KLOUT-Scores nicht berücksichtigt. Was für eine Enttäuschung einerseits. Andererseits eine beglückende Erkenntnis, wie leicht ich mich habe verführen lassen, zu glauben, dass eine komplexe Welt, wie die der Social-Media-Anwendungen auf eine Zahl reduziert werden könne  und zu glauben, damit sinnvoll mein Business managen zu können. Ich bin der Magie einer einfachen Zahl verfallen. Ich Idiot. Andererseits, mit der von Donaldson Brown  definierten Kennzahl ´Return on Investment (ROI) werden seit 94 Jahren riesige Konzerne gesteuert. Unter Umständen hunderttausende von Mitarbeitern und Ihre Leistungen eingedampft auf eine Kennzahl. Warum nicht einem ähnlichen Unfug verfallen.

Zum Schluss nur einige für mich besonders  interessante Erkenntnisse meiner Expedition. Ich lernte zunehmend, wie ich ´Business-Moments´ zum Beispiel in Facebook generieren kann. Durch ehrliche, authentische Informationen (kling naiv), die mit meinen Kunden zu tun haben. Dinge, die ihnen aktuell helfen. Hinweise, wie man sich gut auf Prüfungen während des Studiums vorbereitet oder Themen, die die Welt mittelfristig verändern – wie Fracking [4] – und die persönliche Lebensqualität meiner Facebook-Friends unmittelbar verschlechtern können und die sie noch nicht wahrgenommen haben. Oder die Einbeziehung in die Gestaltung meiner neuen Visitenkarte etc. . Teilhabe an wichtigen Dingen. Vom coolen Virgin-Chef Richard Branson [5] habe ich aus den KLOUT-Analysen gelernt, wie man mit nur einem Medium wie Twitter eine Top-Online-Reputation aufbauen und professionell nutzen kann, indem man Menschen in eigene Unternehmensentscheidungen einbindet und sie schnell und ehrlich informiert. Im vergangenen Jahr schien Virgin-Trains die Zulassung für die West Coast Main Line in den USA wegen Qualitätsmängel zu verlieren [6]. Richard informierte Kunden per Twitter und bat Sie, sich zu dem Vorwurf der Behörde zu äußern. Hundertausende bestätigten ihre Zufriedenheit mit Virgin-Trains und dass deren Qualität sich seit der Übernahme durch Virgin in 1997 bis 2012 beständig verbessert habe. Das sind Moments! Branson verschickt jeden Tag vier bis acht Tweeds (maximal 140 Zeichen) an seine Follower und informiert sie über Dinge, die ihn bewegen oder die er bewegen will. Die Besteigung des Mt. Blanc mit seinen erwachsenen Kindern, die  Glückwünsche an die Mitarbeiter seiner polnischen Mobilfunkfirma, die die Jahresumsätze bereits im Herbst erfüllten. Natürlich auf polnisch. Vom obersten Chef eines 50.000 Mitarbeiterunternehmens.

Last but not least möchte ich im Zusammenhang mit den KLOUT-Scores auf gesellschaftliche Probleme hinweisen, die ich in 2012 im Zusammenhang mit einer neuen von IBM geplanten Form von Arbeitsorganisation und der Plattform Liquid in meinem Blog “I like cloud working. Do I?” [7] beschrieben habe. Die Zukunft unserer Jobs kann danach zunehmend von unserer Online-Reputation abhängen. Wer zu wenig Zeit hat, den Artikel zu lesen, möge sich den Clip von Streik-TV ansehen “CLoud Working” [8].

Das war es für heute. Ihnen ein erfolgreiches und glückliches Neues Jahr    Ihr Hartwig Maly

IMG_3235

_____________________________

1] Wikipedia: Reputation (lat. reputatio „Erwägung“, „Berechnung“) bezeichnet den Ruf  eines Menschen, einer Gruppe oder einer Organisation. Eine hohe Reputation wird gleichgesetzt mit einem guten Ruf.
2] Positive Bewertung einer Nachricht in Facebook
3]  Antworten auf Nachrichten (Tweets) im Mikrobloggingsystem Twitter
4]  http://www.youtube.com/watch?v=YRvFW94f354
5]  Virgin Gruppe. 50.000 Mitarbeiter, Umsatz 23 Mrd. $ in 2012, http://de.wikipedia.org/wiki/Virgin_Group
6]  http://www.virgin.com/richard-branson/blog/on-virgin-trainsgeplanten
7]  http://shapingalphapower.wordpress.com/2012/04/01/i-like-cloud-working-do-i/
8] http://www.streik.tv/video/1477/Cloud_Working.html

About these ads
Kommentare
  1. Ich habe soeben Ihren Link zu Streik.tv angesehen…gruselig…Danke für den Hinweis! Und auch für die Tipps zur Schaffung von “business moments”.